Ein Tag in Beijing / Teil 1

Ich war im April 2019 für ein Akupunktur-Intensivpraktikum in Beijing beim Dr. Wang Ju Yi Research Center. In diesem Artikel und dem folgenden möchte ich einige meiner vielfältigen Erfahrungen in China mit Ihnen teilen.

Ein Tag in Beijing

Mein morgendlicher Weg zur Bushaltestelle im Fu Xue Hutong

Morgens um 7:45 Uhr gehe ich von meinem Appartment zu Bushaltestelle und fahre mit dem Bus zur Ling Lan TCM Klinik. Mein Appartement liegt in einem traditionellen Wohnviertel, welche in Beijing „Hutong“ genannt werden. Die Fahrt  wird mit einer Chipkarte für öffentliche Verkehrsmittel bezahlt und kostet ein Yuan (ca. 15 Cent). Am Ort angekommen gehe ich in den „7 eleven“ Mini-Supermarkt und hole mir noch einen Kaffee. Es gibt Milchkaffee und Americano (schwarzer Kaffee). Ich nehme immer Americano, da mir ein Becher Milch am Morgen zu viel ist.

Es ist warm und die Luft ist diesig, der Himmel ist meist weiß, auch wenn keine Wolken zu sehen sind. Ganz anders als der dunkelblaue Allgäuer Himmel, den ich gewohnt bin. Die Sonne scheint zwar, aber sie ist so schwach, dass es wenig Unterschied macht, ob man in der Sonne steht oder im Schatten. Vereinzelt tragen die Beijinger Smogmasken, um ihre Lungen zu schonen. In meiner Lunge merke ich zum Glück nichts von der diesigen Luft und trage wie die meisten Leute keine Maske.

 

Eingang der Ling Lan TCM Klinik

Ich gehe in die Ling Lan TCM Klinik, um Dr. Jonathan Chang (kurz Jon) zu treffen, bei dem ich hospitiere. Die Ling Lan Klinik ist eine private TCM Klinik, in der die Ärzte etwas mehr Zeit für ihre Patienten haben als in den öffentlichen TCM Kliniken. Am Eingang befinden sich Rezeption und Kräuterapotheke, dahinter ist ein runder großer Warteraum und an den Warteraum angegliedert sind mehrere Behandlungsräume. Alle Räume sind hell, freundlich und modern eingerichtet.

Jon lebt seit zwanzig Jahren in Beijing. Seine Eltern sind in ihrer Jugend aus China nach Kanada ausgewandert und er ist nun wieder von Kanada nach China eingewandert. Nur an seinem Namen und an seinem  leichten Akzent können die Chinesen erahnen, dass Jon kein gebürtiger Chinese ist, sagt er, aber woher er kommt, können sie nicht sagen.

 

Jon und ich in der Klinik

Sobald Jon in der Klinik ankommt, fängt er nach einer kurzen Begrüßung an, von der ersten Patientin zu erzählen, die um 8:30 Uhr kommen wird. Welche Beschwerden sie hat, welche schulmedizinischen Diagnosen, welche TCM-Diagnose er gestellt hat und welche Punktekombinationen bisher am besten geholfen haben. Ich mache mir schon mal Notizen, denn wenn Jon mit der Patientin auf chinesisch spricht verstehe ich nur noch einzelne Wörter wie „Schlaf, warm, kalt, Schmerzen“ etc. . Ich kann mit meinen begrenzten Chinesisch-Kenntnissen meist nur raten, worum es  geht. Deshalb übersetzt mir Jon nach dem Gespräch immer das Wichtigste. Als die Patientin kommt, werde ich kurz als Schüler der chinesischen Medizin aus Deutschland (deguo in chinesisch) vorgestellt. Die Patientin nimmt es mit sichtlicher Zufriedenheit und Wohlwollen auf, dass die chinesische Medizin auch in Deutschland Interesse und Verbreitung findet.

 

Dr. Wang beim Tasten der Meridiane am Arm einer Patientin.

Nach dem Gespräch werden die Zungen- und die Pulsdiagnose durchgeführt. Bei jedem Besuch tastet Jon die Meridiane seiner Patienten sehr genau nach Veränderungen ab. Das ist das Besondere an Jons Akupunkturstil und der Hauptgrund, warum ich bei ihm das Praktikum mache. Jon war 10 Jahre lang enger Schüler bei einem der berühmtesten Akupunktur-Ärzte in China, Dr. Wang Ju Yi. Dr. Wang hat die Meridiantastung als zuverlässige Diagnoseform wiederentdeckt und seinen Schülern gelehrt. Jede Erkrankung im Körper verändert die Meridiane und diese Veränderungen können in Form von Knoten, Beulen, Dellen und schmerzhaften Bereichen mit den Fingern getastet werden. So kann eine sehr genaue Diagnose der Krankheit erfolgen. Jon tastet in Ruhe die 6 Meridiane am Arm und die 6 Meridiane am Bein ab.

Bevor er die Nadeln  setzt, ertastet er genau die Lokalisation von jedem Akupunkturpunkt.  Er fragt die Patientin wiedeholt, was sie von der Nadel spürt und ob eine Empfindung am Meridian entlang ausstrahlt. Ist das ohne Schmerzen der Fall, hat man den Punkt optimal getroffen und die Wirkung ist am besten, sagt er. Dann wird ein Vorhang, der als Sichtschutz dient,  vor der Liege zugezogen.  Die Nadeln bleiben 20 Minuten drin und Jon stoppt die Zeit mit seinem Handy.

Sobald er alles in der Patientenakte notiert hat, bittet er den nächsten Patienten herein. Es befinden sich 3 Liegen im Behandlungsraum und so können bis zu 3 Patienten gleichzeitig behandelt werden. Akupunktur ist in China auch eine soziale Erfahrung, merke ich hier. Die Patienten bekommen mit, welche Beschwerden die anderen Patienten haben, das ist ganz normal in China. Oft entstehen kurze Gespräche zwischen den Patienten, wenn ein Patient wieder geht: „Du musst mehr rausgehen und unter Leute, dann machst du dir weniger Sorgen, so mache ich es auch!“ oder „Ich gehe immer zu dieser Qi Gong Gruppe, der Lehrer ist wirklich gut, komm doch auch mal mit, das würde deinem Rücken gut tun.“ Zwischendrin kommt die Assistentin herein und bringt frischen Tee für Jon oder Angehörige eines Patienten schauen mal nach dem Rechten, manchmal lugt auch ein neugieriges Kind zur Tür herein.

Für mich als Europäer ist die ständige Anwesenheit von 4-6 Personen in einem  Behandlungsraum eine neue Erfahrung.  Erstmal ist es anstrengend und es fällt schwerer, sich zu konzentrieren. Aber nachdem ich mich etwas daran gewöhnt habe, ist es auch abwechslungsreich und lebendiger als in Deutschland, wo ich in der Regel in der Eins-zu-Eins-Situation mit dem Patienten bin.

Und so geht es den ganzen Vormittag. Von 8:30 bis 13:00 Uhr behandelt Jon 5 – 8 Patienten, was für chinesische Verhältnisse nicht viel ist. Er sagt, er braucht eben auch mal Zeit, um eine Minute nachzudenken.

Ein Tag in Beijing Teil 2